The great educational swindle I

Jetzt da wir wissen, dass Intelligenz im Wesentlichen vererbt wird (ich muss gestehen, dass ich ‘das Buch’ nicht gelesen habe, daher alles Folgende mit Vorbehalt), können wir eigentlich den Laden zumachen. Wenn Bildung nichts bringt, dann brauchen wir keine Schulen oder Hochschulen. Jeder ist so schlau, wie er ist.Und die Studierenden von WHL und AKAD können eine Menge Geld sparen. Anstatt eines Abschlusszeugnisses reicht die Geburtsurkunde, um weiterzukommen.

Oder es ist umgekehrt, und wir können uns auf mehr Kundschaft freuen: Denn wenn Bildung doch was bringt, aber die vererbten Voraussetzungen bei den sich abschaffenden Deutschen nachlassen, dann wird eben mehr Bildung gebraucht. Das bildungsepidemiologische Massenwirkungsgesetz: Viel hilft viel.

Viel wahrscheinlicher scheint mir aber, dass die Voraussetzungen nicht stimmen. Mir ist nämlich eine meiner Lieblingsstudien wieder eingefallen. Dort wurde festgestellt, dass bei einem bestimmten Mathetest, dann nicht die übliche Leistungsdifferenz zwischen den Geschlechtern auftaucht (sorry: Frauen schneiden meist schlechter ab in entsprechenden Mathetests), wenn den ProbandInnen vorher gesagt wird, dass dies ein Test ist, bei dem diese Leistungsdifferenz gerade nicht auftritt. (Spencer, S. et al.: Steoreotype threat and Women’s Math Performance. In: Journal of Experimental Social Psychology 1999/35: 4-28) Mathematische Fähigkeit sind übrigens ein relativ einfaches und relativ einfach zu messendes Konstrukt verglichen mit ‘Intelligenz’. Es gibt ähnliche Ergebnisse in Hinsicht auf Tests, bei denen die Teilnehmer z. B. ihre Rassen- oder Kastenzugehörigkeit nennen mussten oder nicht. Und jetzt will jemand wissen können, dass Intelligenz ethnisch zurechenbar ist. Wenn das so einfach wäre, wären viele (forschenden) Psychologen arbeitslos.

You’ll find that empty vessels make the most sound.  (Johnny Rotten)

3 Gedanken zu „The great educational swindle I

  1. Hallo Herr Professor Remmele!

    Ich habe das Buch auch nicht gelesen, aber in Blogs ist es ja üblich, Dinge zu kommentieren, die man nicht gelesen, gesehen oder sonstwie wahrgenommen hat. Egal, ich habe nämlich gehört, dass der Herr Sarrazin eine Menge wissenschaftlicher Daten in sein Buch gepackt hat. Sind die ganzen Wissenschaftler, auf die er sich beruft, jetzt alle “empty vessels”, die viel Lärm um nichts machen, oder hat Herr Sarrazin die alle nur ganz falsch verstanden?
    Ach ja, und sind es nicht gerade die Psychologen, die uns schön regelmäßig mit schrägen “Studien” (nach dem Motto “Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden…”) sozusagen zulärmen?

    1. Ich habe zwar das Buch nicht gelesen, aber eine Rezension von einem ausgewiesenen Intelligenzforscher (ich glaube in der Süddeutschen). Und dieser hat u.a. mit dem Verweis auf die Situationsabhängigkeit bestimmter Intelligenzmessungen, auf die das Buch Bezug nimmt, die Plausibilität kultur- bzw. ethnienbezogener Intelligenzzurechnungen bestritten. Daher sehe ich auch mein Mathe-Geschlechtsbeispiel als für die Problematik aussagekräftig an.

  2. …interessanter beitrag. die ganze debatte scheint die denkschule des radikalen konstruktivismus zu bestätigen, wonach themen, diskurse und rollenzuordnungen (stichwort gender theory, die ähnlich argumentiert) sprachmächtig konstruiert werden. Auch die Positioning Theory grift auf sozialkonstruktivistische Ideen zurück (Siehe http://www.sp.uconn.edu/~jbl00001/positioning/index.shtml). Es wärer mal interessant, die Diskussion angefangen von Sarazins Äußerungen über die politischen, wissenschaftlichen und medialen Kommentare bishin zu den gesellschaftlichen konsequenzen unter solchen theoretischen gesichtspunkten zu beleuchten.

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