Das neue AKAD-Hochschulmagazin nimmt Europa unter die Lupe

Das Titelthema des aktuellen AKAD. Das Hochschulmagazin, das Anfang Oktober das Licht der Öffentlichkeit erblickte, ist „Ach, Europa“. Seit sich die ersten Staaten vor über 50 Jahren zur Keimzelle der heutigen EU vereinten, stehen vor allem wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Durch die fortdauernde Schuldenkrise wird jedoch immer deutlicher: Die Wirtschaft allein genügt nicht mehr als Kitt der europäischen Länder, wenn ansonsten vor allem nationalstaatliche Interessen im Vordergrund stehen. Muss Europa sich, um die Krise zu meistern, neu erfinden? Ist das Modell Europa zukunftsfähig?

Europa kann auch witzig sein
Einen amüsanten Einblick in die Arbeit der EU-Kommission in Brüssel gibt Gastautor und Journalist Alois Berger. Seine Spezialität sind Reportagen, Analysen und Kommentare aus dem kalten Herzen Europas.


Zum Glück hinkt Europa

von Alois Berger

Wer eine schöne Idee für die Europäische Union hat, der sollte bitte in Brüssel, Rue de la Loi 200, im 12. Stock Bescheid sagen. Die suchen dort nach einer neuen Kommunikationsstrategie, damit die Bürger die EU wieder lieben. Derzeit probiert die EU-Kommission, ihren Präsidenten so oft wie möglich in die Nachrichten zu bringen. José Manuel Barroso soll am besten jeden Tag irgendwas Wichtiges verkünden, damit sich auf den Mattscheiben endlich ein Gesicht einbrennt, das sich die Leute merken können. Die 54 Pressesprecher der Kommission sollen in diesen zwei Minuten ausnahmsweise mal den Mund halten. An sich eine schöne Idee. Aber sie wird wieder nicht funktionieren.

Was haben sie nicht schon alles ausprobiert? Ein Comic über Umweltverschmutzung sollte die Herzen der Jugend erreichen: Die Heldin, eine junge, schöne Europaabgeordnete, legt einer skrupellosen Chemiemafia mithilfe der EU-Wasserrichtlinie 2000/60/EG das üble Handwerk. Das Fachpublikum feierte das Heft als pädagogisch geschickt und europäisch wertvoll. Nur die Zielgruppe hat nichts mitbekommen. „Wir erreichen immer nur die in Brüssel“, stöhnt eine Mitarbeiterin. Eine Euro-Soap war auch schon im Gespräch: Das prickelnde Leben auf den Fluren der

europäischen Verwaltung, Tragödien und Liebesschwüre in allen Amtssprachen der Europäischen Union, täglich zu Hause im Wohnzimmer! Die Resonanz der Fernsehleute war verhalten. So späte Sendeplätze hat selbst ARTE nicht.

Die Europäische Union leidet, weil niemand etwas von ihr wissen will. Die Kommissare twittern, die Europaabgeordneten facebooken und alle zusammen füttern YouTube, was das Zeug hält. Kein Schwein schaut hin. Als die EU-Kommission einmal Sexszenen aus EU-geförderten Filmen zusammenstellte, stand das Stöhn-Werk ein halbes Jahr unbemerkt im Netz. Erst als ein prüder Konservativer aus England versehentlich drüber stolperte und sich öffentlich erregte, staubte der Streifen an einem Wochenende zwei Millionen Klicks ab. Beliebter wurde die EU trotzdem nicht.

Seitdem legt die EU-Kommission wieder Wert auf seriöse Information. Sie hält sogar eine Telefonhotline offen: 00800.6.7.8.9.10.11 europaweit und kostenfrei. Es ruft bloß niemand an. Außer, wenn es in Österreich anhaltend regnet oder jemand gratis einen Bürokraten beschimpfen will. „Dann sind wir dran“, sagen die im Euro-Callcenter tapfer. Die zahllosen Internetumfragen, mit denen die EU-Kommission den Grund für ihre Unbeliebtheit herausfinden will, brachten bislang nichts Erhellendes. Viele Leute wissen, dass sie die EU nicht mögen, aber sie wissen nicht warum. Selbst dem Verband der Automobilindustrie ACEA fiel nach zwei Jahren kollektiven Nachdenkens auf zwei Dutzend Konferenzen in Brüssel nichts Besseres ein, als die Abschaffung der Vorschrift zu verlangen, dass jedes Auto einen Rückwärtsgang haben muss. Das sei unnötige Bürokratie.

Glaubt man den Stammtischen, der englischen Presse und den Anonymen Cholerikern in den Internetforen, dann ist Brüssel das Epizentrum des Bürokratismus. Aber keiner kann zwei Beispiele nennen. Nur die Gurkenverordnung kommt immer. Dabei gibt es die schon lange nicht mehr. Eine Journalistin meinte kürzlich, das Perfide an der Bürokratie sei doch gerade, dass man sie nicht fassen könne. Es scheint vielen Menschen sehr wichtig zu sein, eine Wut auf die Europäische Union haben zu dürfen.

Zum Schluss haben wir doch noch einen kleinen Trost für Barroso und die im 12. Stock: Die EU ist eben eine Aber-Veranstaltung, wie sie in der Politik öfter vorkommt. Keiner mag sie, aber fast alle wissen, dass wir sie brauchen. Die Idee von Europa wärmt das Herz, Freude schöner Götterfunken, aber die Umsetzung mit Verordnungen und Richtlinien reißt niemand zu Begeisterungsstürmen hin. Die Leute schimpfen auf die Europäische Union, aber bei Wahlen gewinnen die Eurogegner keinen Blumentopf. Kurz zusammengefasst: Der Bauch sagt nein, der Kopf sagt ja. Oder wie der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy sagte: Was hinkt, geht.

Weitere interessante und unterhaltsame Europabeiträge gibt es unter www.weltreporter.net/blog.
Ein kostenloses Exemplar des Hochschulmagazins können Sie einfach mit einer Mail an pressestelle@akad.de bestellen.

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