Der Goldjunge von Rio

Max Hoff (vorne) und seine Kanu-Teamkollegen jubeln nach ihrem Olympia-Sieg.

Max Hoff (vorne) und seine Kanu-Teamkollegen jubeln nach ihrem Olympia-Sieg. (Foto: Max Hoff)

Als Max Hoff am 23. August in Frankfurt aus dem Flieger steigt, ist nichts mehr wie vor seiner Abreise. Zwei Wochen vorher reist der 33-jährige AKAD-Student nach Rio, um als Teil des deutschen Kanu-Teams an den Olympischen Spielen 2016 teilzunehmen. Vor Ort erlebt er die größte Enttäuschung seiner Sportlerkarriere und wird schließlich doch für alle Mühen belohnt – mit einer Goldmedaille im Vierer-Kajak. Im Interview mit dem AKAD Blog berichtet der Kölner über atemberaubende Erlebnisse in Rio, Frust und Freude des Profisports sowie den Spagat zwischen Fernstudium und Sportleralltag.

AKAD Blog: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer tollen Leistung in Rio, Herr Hoff! Sie waren vorher ja bereits sechs Mal Weltmeister und neun Mal Europameister. Ist da Olympia trotzdem noch etwas Besonderes?
Max Hoff: Ja, ganz bestimmt! Man lebt als Sportler letztlich in einem Vier-Jahres-Rhythmus, immer wieder auf die Olympischen Spiele hin. Das ist der Karrierehöhepunkt, obwohl Rio für mich ja schon das dritte Mal war. Wichtig ist, dass man nichts als selbstverständlich hinnimmt. Auch die EM und WM sind etwas Besonderes, das geht auch nicht immer leicht von der Hand. Aber wenn man von den Olympischen Spielen mit einer Goldmedaille nachhause fährt…ist das ein Traum, der dort als Sportler in Erfüllung geht!

Sind Sie nach Ihrem Sieg mit Interviewanfragen überhäuft worden?
Sicher war die mediale Aufmerksamkeit höher, ein paar Anfragen habe ich noch im Postfach. Im Moment kann ich mich jedenfalls nicht beschweren, dass ich Langeweile hätte. Aber das zeigt ja auch, dass man etwas Tolles erreicht hat.

„Da denken Sie, Sie sind im falschen Film!“

Ihr persönliches Rio 2016 war ein ganz schöner Krimi. Was war die überflüssigste Frage der Medien, nachdem Sie im Finale über 1000 Meter im Einer-Kajak auf dem siebten Platz landeten?
„Wie fühlen Sie sich jetzt?“ und „Woran lag es?“, denn beides war offensichtlich. Mein Kajak war durch große Laubblätter gebremst worden, das Einer-Finale fand also für mich unter unfairen Bedingungen statt. Stellen Sie sich einmal vor, Sie sollten mit platten Reifen Formel 1 fahren! Und das in einem solchen Rennen – da denken Sie, Sie sind im falschen Film.
Ich bin nach dem Finale selbst für Interviews zu den Medien gegangen. Aber danach habe ich mich zwei Tage zurückgezogen, habe nur noch mit vertrauten Personen zu tun gehabt – meinem Trainer, meiner Freundin – um mich wieder aufzubauen. Wichtiger als die Medien war es, wieder mit mir selbst klarzukommen.

Wenige Tage danach, am letzten Wettkampftag der Olympischen Spiele, haben Sie dann im Vierer-Kajak Gold geholt. Wie haben Sie gefeiert?
Ordentlich! (lacht) Nach unserem Rennen bin ich mit dem deutschen Kanu-Team ins ARD-Fernsehstudio, und anschließend zum Feiern ins Deutsche Haus in Rio. Dorthin kamen später auch die Fußball-Jungs zum Feiern, die an dem Tag ebenfalls gewonnen hatten. Ich bin immer noch ein bisschen müde…

Wie sind Sie zum Kajakfahren an sich gekommen, und wie zum professionellen Kanurennsport?
Mit dem Kajaken angefangen habe ich 1994. Damals habe ich in Siegburg gelebt, eines Tages meine Tante zum Kanuverein begleitet – und beim ersten Sitzen im Boot sofort Feuer gefangen. Bald habe ich jeden Tag trainiert und mich nach und nach weiter hochgearbeitet: zuerst in die Juniorenmannschaft, während der ich dann das Abi gemacht habe, dann in die Herrennationalmannschaft. So habe ich mir immer ein Ziel nach dem anderen gesetzt, gesund und realistisch, und nie den Spaß an der Sache verloren.
Ursprünglich begonnen hatte ich übrigens mit dem Wildwasserrennsport, aber das ist keine olympische Disziplin. Darum habe ich 2007 zum Kanurennsport gewechselt – und mich für die Olympischen Spiele 2008 in Peking qualifiziert.

„Momente wie in Rio entschädigen für das Training im Schneesturm“

Wie sieht Ihr typischer Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist sehr vorstrukturiert. Das Training fängt morgens zwischen 7 und 8 Uhr an und geht bis 12 Uhr mittags. Dann habe ich drei Stunden Pause, zum Mittagessen und zur Regeneration. Am Nachmittag steht wieder Training auf dem Plan, von 3 bis 7 Uhr abends. Das geht die ganze Woche durch. Ab und zu habe ich mal einen freien Tag, aber insgesamt bleibt doch wenig Zeit für andere Dinge.
Jetzt nach den Olympischen Spielen nimmt die Trainingsintensität wieder etwas ab, sodass ich hoffentlich bald wieder mehr für das Studium machen kann.

Sie sind nun schon seit über 15 Jahren Kanu-Profi. Entspricht das Leben als Leistungssportler Ihren Erwartungen?
Ich tue das, was mich glücklich macht. Von daher bin ich vollends zufrieden. Ich würde rückblickend nichts anders machen.

Was ist das Schönste daran, was das Härteste?
Das Härteste ist das häufige Training, viele Entbehrungen, vor allem auch die Zeit weg von der Familie, die ihrerseits viel auf einen verzichten muss. Und durch den sehr fest strukturierten Tagesablauf bleibt wenig Zeit für das Studium.
Und das Schönste? Das machen zu dürfen, woran das Herz hängt. In der Welt herumzureisen. Und wenn Momente dazukommen wie in Rio… die entschädigen einen für die Entbehrungen, das harte Training im Winter-Schneesturm, den Verzicht auf die Familie. Dann hat sich all das gelohnt.

Wie kamen Sie dazu, sich abseits des Sports weiterzubilden?
Sobald die Zeit als Sportler vorbei ist, ist sie eben auch sehr schnell vorbei. Wenn man dann nicht das große Geld verdient hat – und das können Sie höchstens im Fußball –, muss man sich rechtzeitig auf diese Etappe vorbereiten. Ich gehe nicht blauäugig durchs Leben und möchte auch für die „Zeit danach“ eine Aufgabe finden, die mich ausfüllt.

„Dafür macht ein BWL-Studium einfach Sinn“

Sie haben bereits ein Erststudium in Biologie absolviert. Wieso dann noch das BWL-Studium?
Mir war immer klar, dass ich nicht Wissenschaftler werden möchte. Ich habe als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni gearbeitet. Aber Promovieren, was als Biologe der nächste logische Schritt gewesen wäre, wollte ich definitiv nicht. Ich würde dem Sport gerne auch nach meiner Profi-Zeit treu bleiben – dafür macht ein BWL-Studium einfach Sinn.

Haben Sie denn konkrete Berufspläne für die Zeit danach?
Ich würde gerne ins Sportmarketing gehen, sei es für einen Sportartikelhersteller, einen Verein oder eine große Firma, die sich in dem Bereich engagiert. Auch die Organisation großer Sportveranstaltungen und Events kann ich mir gut vorstellen.

Wissen Sie noch, warum haben Sie sich gerade für die AKAD entschieden haben?
Für mich war es damals die einzige Option, um nach meinem Biologie-Studium ein BWL-Aufbaustudium absolvieren zu können. Ich hatte ja keine BWL-Vorkenntnisse, die ich für ein konsekutives Studium benötigt hätte. Auf diese Weise konnte ich trotzdem einen Aufbaustudiengang absolvieren und auf das Diplom als höheren Abschluss hinarbeiten. [Anm.d.Red.: Der nicht-konsekutive „Aufbaustudiengang Betriebswirtschaftslehre“ firmiert mittlerweile unter dem Titel „M.A. Angewandtes Management“.]

Wie läuft es im Studium?
Im Moment bescheiden. Das Training hat mich in den letzten anderthalb Jahren komplett vereinnahmt. An sich muss ich nur noch zwei Klausuren schreiben, den Schwerpunkt wählen und die Diplomarbeit schreiben. Das ist machbar. Jetzt nach Rio hoffe ich, das bis Ende 2017 durchziehen zu können – aber erst einmal muss ich wieder lernen zu lernen.

Lassen sich Studium und Sport sonst gut kombinieren? Was sind die Herausforderungen?
Es bedarf sehr viel Individualität und Flexibilität. An einer Präsenzuni oder in einem anderen Studiengang, zum Beispiel Medizin, wäre das kaum zu schaffen. Davon abgesehen kommt es auf die Sportart an: Ich glaube, wir Kanuten brauchen durchschnittlich ziemlich lange für unser Studium.

Herr Hoff, wir danken Ihnen für das Gespräch.

[Nachtrag: Wenige Tage nach unserem Interview war Max Hoff zu Gast in der NDR-Talkshow „Bettina und Bommes“. Die Aufzeichnung dieses sehr sympathischen Auftritts finden Sie hier.]

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