Mensch und Roboter – eine erfolgversprechende Partnerschaft?

Ein Gastbeitrag von Dr.-Ing. E. W. Udo Küppers

AKAD-Dozent Udo Küppers

Die digitale Uhr auf dem Nachttisch spielt morgens um 7 Uhr meine Lieblingsmelodie. Müde drehe ich mich noch einmal auf die andere Seite, um bei einer weiteren sanften Stimme aufzuwachen, die mir sagt: „Es ist Zeit für die Körperhygiene, der Kaffee ist schon fertig und der Frühstückstisch ist gedeckt.“ Leila, mein persönlicher Humanoide, ein zweibeiniger Roboter in Frauengestalt, steht an der Tür zum Bad. Bereits wenige Minuten zuvor hat Leila die Funktion der Zahnbürste geprüft, sie mangels Tauglichkeit durch eine neue ersetzt und zugleich Ersatz aus einem entfernten Warendepot angefordert. Das Internet der Dinge (IdD) arbeitet perfekt, und Energie will verbraucht werden. Der elektrische Kaffeeautomat, das elektrische Brotmesser, der elektrische Eierkocher, der elektrische, autonom arbeitende Saugroboter, der elektrische Tassenwarmhalter, natürlich auch die elektrische Zahnbürste und Leila selbst sind alle mit dem überaus hilfreichen IdD verknüpft.

Apropos Energieverbrauch: Alle aufgeführten und mit dem Internet verknüpften Geräte benötigen Energie. Wenige wollen auf Bequemlichkeiten im Umgang mit Geräten verzichten. Auch das Internet selbst benötigt Energie! Außerdem wird sie auch bei der Herstellung von Geräten benötigt und nicht nur während der Nutzungszeiten. Von Energiesparsamkeit, wie sie allzu oft oberflächlich postuliert wird, ist in Verbindung mit dem Internet der Dinge nichts zu spüren. Im Gegenteil: Energie will verbraucht werden. Energie und Digitalisierung sind daher vernetzte Schlüsselelemente, die den Fortschritt digitaler Vernetzung – auch der Robotik – maßgebend mitbestimmen.

Aber zurück zum Tagesablauf: Auf dem Weg zur Arbeit, in einem vollautomatischen, fahrerlosen Kleinbus, werden mir alle Aufgaben des Tages auf meinem elektronischen Aufgabenassistenten angezeigt, den mir mein zugeteilter Arbeitshumanoide Johann per Internet übermittelt hat. Vorbesprechungen oder sogenannte „Tagesmeetings“ in Unternehmen gehören der Vergangenheit an. Das IdD sorgt sich um buchstäblich alles. Der Arbeitsablauf ist elektronisch perfekt durchgeordnet, einschließlich programmierter Kaffeepausen und zyklischen körperlichen Bewegungsphasen, die den Schwächen des biologischen Organismus geschuldet sind. Übrigens: Roboter kennen diese Probleme nicht. Sie funktionieren nach Programmen perfekt. Nur Strom ist immer noch ihre einzige Schwachstelle.

Nach getaner Arbeit erwarte mich mein Animaloide Willi, das elektromechanische und vollautomatische Ebenbild meines verstorbenen Schäferhundes, am Fabriktor, um durch die Parkanlagen voll von herrlich duftenden und farbigen Plantonoiden – Roboter in Gestalt von Pflanzen – zu wandern. Und um – noch – natürliche Luft „zu tanken“.

Den späten Abend verbringe ich wieder mit Leila, die mich mit ihrem unerschöpflichen Fundus elektronisch gespeicherter Geschichten zu unterhalten versucht, während ich langsam aber sicher neben ihr auf dem Sessel einschlafe. Das persönliche Fürwort „ihr“ verrät, wie sehr wir uns bereits mit den Maschinen in Menschengestalt identifiziert haben.

Ein weiterer analog-digitaler Tagesablauf ist vollbracht. Und am kommenden Morgen, grüßt mich pünktlich um 7 Uhr – wie immer – meine Lieblingsmelodie.

Das Erscheinen der Roboter

Wir sind ohne jeden Zweifel angekommen im Lebens- und Arbeitsrhythmus einer digitalisierenden Zeit. Der Mensch ist faktisch zwar noch Herr seiner biologischen Sinne, aber die biotechnischen kommunikativen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine – beziehungsweise zwischen Mensch und humanoidem Roboter – werden mit jedem digitalen Entwicklungsschritt funktionaler, sensibler und präziser.

Mit dem Blick in eine nicht unwahrscheinliche Mensch-Maschine-Zukunft rücken daher zwei grundlegende Fragen in den Mittelpunkt. Deren Beantwortung muss sich nicht nur die heute erwachsene, sondern noch dringender die heutige junge Generation stellen:

1. Werden in Zukunft Menschen eher zu Robotern oder Roboter eher zu Menschen?
2. Wollen wir alles, was wir können?

Beginnen wir chronologisch und erkunden den Zeitpunkt, an dem erstmals vom Begriff Roboter die Rede war. In das Leben der Menschen und in deren Umwelt traten Roboter im Rahmen eines Dramas des Tschechen Karel Capek namens „R. U. R. – Rossum´s Universal Robots“:

„Zentrale Büro der Firma «Rossum´s Universal Robots». […] an der Wand rechts gedruckte Plakate: „Die billigste Arbeitskraft: Rossum´s Roboter“ – „Tropische Roboter, eine neue Erfindung. Pro Stück 150 $“ – „Jeder kauft sich seinen Roboter!“ „Wollen Sie ihr Produkt verbilligen? Bestellen Sie Rossum´s Roboter.“
(Der Generaldirektor diktiert:) „… daß wir für transportgeschädigte Ware keine Garantie übernehmen. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen darauf hingewiesen, daß das Schiff zur Beförderung von Robotern nicht geeignet ist, […]. Neues Blatt. An Friedrichswerke, Hamburg. Datum. „Wir bestätigen Ihre Bestellung über fünfzehntausend Roboter …“

(Capek, K. (1920) R. U. R. Englisch von Selver, P. und Playfair, N.).

Eingeleitet wird Capeks R. U. R. mit dem Satz:

Robots of the world! The power of man has fallen!
A new world has arisen: the rule of the robots!
March!

In Deutsch:

Roboter der Welt! Die Macht der Menschheit ist gefallen!
Eine neue Welt ist entstanden: Die Herrschaft der Roboter!
Marsch!

Seit Capeks Stück aus dem Jahr 1920 ist der Begriff Robots oder Roboter – so die Überlieferung – in unserem Sprachschatz vorhanden. Was sind nun Roboter? Es sind Maschinen, die mit geeigneten, von Menschen erstellten Programmen – den sogenannten Algorithmen – beliebige Arten von Bewegungen durchführen sollen. Die Gestalt von Robotern kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, für welchen Einsatz sie vorgesehen sind.

Vom Homunculus zum Ebenbild des Menschen

In der Frühzeit der Robotik, noch vor der Zeit der Renaissance (15.-16. Jhd.), in der Leonardo da Vinci einen Roboter mit den ihm zu Verfügung stehenden Arbeitsmitteln wie Holz, Seilen, Gelenke, Stifte etc. auf genial einfache Art konstruierte, trat unter anderem der Homunculus, ein künstliches Wesen, ein künstliches Menschlein in die Öffentlichkeit. Der römische Gelehrte Cicero verband mit dem Begriff des Homunculus einen gewandten virtuellen idealen Redner, mit dem er ein vertrauliches Verhältnis pflegte. Als ein Männlein, das in einer Gasflasche aus chemischen Stoffen erzeugt wurde, kennen wir den Homunculus auch aus Goethes Faust. Und auch in der Gegenwart begegnet er uns als kortikaler Homunculus in der Neuroanatomie: Mit einer Projektion der Größe von Körperteilen auf Hirnareale werden ihrer jeweiligen biologischen Bedeutung neurologische Areale zugeordnet. So sind beispielsweise Hände und Mund des künstlichen Menschleins aufgrund ihrer biologischen Bedeutung überproportional groß im Verhältnis zu den anderen Körperteilen.

Erst nach Leonardo da Vinci und mit fortschreitender Technikentwicklung wurden zahlreiche Variationen von künstlichen Robotern entwickelt. Sie reichen vom Automatenmenschen des französischen Erfinders Jacques de Vaucanson (Mitte des 19. Jahrhunderts), über Steam men, Eric Robot und viele weitere Roboterkonstruktionen bis in die heutige Entwicklungsphase eines Asimov und Nao oder eines martialisch aussehenden Atlas.

Abb. 1 Automatenmensch nach Vaucanson (Quelle: https://de.pinterest.com/manooy/automata/)

Abb. 2 Variation eines «Steam man» und «Eric Robot» (Quellen: http://timetunnel.bigredhair.com/ steamman/index.html, http://cyberneticzoo.com/robots/1928-eric-robot-capt-richards-english/

Abb. 3 Roboter HRP-4c, NAO und Atlas (Quellen: https://en.wikipedia.org/wiki/Humanoid_ Robotics_Project, https://www.ald.softbankrobotics.com/en/cool-robots/nao/find-out-more-about-nao, http://www.bostondynamics.com/index.html)

Ein spezieller Zweig der Roboterentwicklungen der neuesten Generationen befasst sich nicht nur mit funktionalen programmierten Handlungen, sondern auch mit der Gestalt und dem Aussehen nach täuschend echten Ebenbildern von Menschen, wie Abbildung 4 zeigt. Die Gefühle, die uns Menschen beschleichen, wenn wir – erwartet oder unerwartet – unserem Ebenbild oder einem Roboter mit künstlichem menschlichen Antlitz gegenübertreten und in einen Dialog mit „unserem maschinellen Gegenüber“ treten sollen, lassen sich noch nicht hinreichend genau erfassen.

Jedenfalls bleibt – wie es der japanische Forscher Masahiro Mori formulierte – ein „Tal der Unheimlichkeit“ bestehen, das wir durchschreiten, je nachdem, wie wir Roboter auf uns wirken lassen.

Abb. 4 Hiroshi Ishiguro´s Androide (Quelle: http://www.geminoid.jp/en/index.html)

 

Humanoide Roboter: „Partner“ für alle Lebens- und Arbeitsbereiche des Menschen?

Eine grobe anwendungsorientierte Gliederung von Robotern führt zu:

1. Dienstleistende Roboter oder Roboter, die außerhalb des unternehmerischen Umfeldes eingesetzt werden
2. Kollaborative oder Industrieroboter, die in unternehmerischen Bereichen der Fertigung, der Logistik u.a. eingesetzt werden und zunehmend auch in enger Zusammenarbeit mit Menschen produktiv tätig sind.

Das große Feld der Roboter-Dienstleistungen fokussiert nicht nur zunehmend allgemeine logistische Aufgaben, wie zum Beispiel Pakettransporte von Produkten durch unbemannte Fahr- oder Flugzeuge (Unmanned Street Vehicles, Unmanned Air Vehicles oder Drohnen). In privaten Haushalten, in der Altenpflege, in medizinischen Krankenabteilungen oder in Bildungseinrichtungen, um nur vier große soziale Umfelder des Menschen zu nennen, werden zunehmend „helfende Roboter“ dem menschlichen Fachpersonal zur Seite gestellt. Vorreiter bei diesen Mensch-Roboter-Kooperationen sind die technikverliebten Japaner bzw. Asiaten, US-Amerikaner und Europäer, hier insbesondere die Franzosen und Deutschen. Die Besonderheit japanischer Roboterentwickler hat auch historische Ursachen, die mit einer gewissen Reserviertheit gegenüber ausländischen Arbeitskräften zu tun hat. Daher werden zum Beispiel in der Altenpflege aufgrund von erheblichem Fachkräftemangel immer mehr humanoide – und auch animaloide – Roboter tätig. Beispielsweise als kräftige Helfer, die bettlägerige Patienten heben und transportieren und somit das Personal bei schweren Arbeiten entlasten.

Auch im Bereich der schulischen Ausbildung sind japanische Roboter in Kindergestalt, wie zum Beispiel NAO, eifrige Helfer des Lehrpersonals. Die Begeisterung der Schulkinder gegenüber dem gleichgroßen NAO ist durch zahlreiche Experimente belegt. Ob NAO als Turnlehrer eine Rolle vorwärts vorturnt, die von den Kindern enthusiastisch wiederholt wird, ob Vokabeln gepaukt werden oder Mathematik: Das Phänomen NAO ist – zumindest – im japanischen Kinderunterricht kaum mehr wegzudenken. Während in deutschen Schulen und höheren Bildungseinrichtungen noch die digitale Infrastruktur und die Lehrer-Fachfortbildung in digitalen Medien wiederholt politisch diskutiert werden, und während die im Ursprungsland USA wieder abflauenden digitalen Massive Open Online Courses (MOOCs) hierzulande noch weiter ausgebaut werden, sind andere Länder wie Japan in der Praxis(!) digitaler Bildungsfortschritte weit voraus.

Wie dem auch sei: Roboter oder humanoide Roboter als Helfer in verschiedenen Lebenslagen einzusetzen, in denen mangels Fachpersonal Lücken bei Dienstleistungen entstehen, ist die eine Seite der digitalen Medaille. Andererseits wird kein digitaler Fortschritt letztlich die fundamentale evolutionäre Mensch-Mensch-Kommunikation ersetzen können. Auch wenn der Eindruck entstehen mag, dass Roboter Menschen ihre Arbeit – ob in der Produktion oder im privaten sozialen Umfeld – auf lange Sicht zunehmend wegnehmen könnten.

Abb. 5 Dienstleistender HOSPI und kollaborierender Roboter (Quellen: http://news.panasonic.com /global/images/02_HOSPI_Changi.jpg, KOBOT im BMW-Werk Spartanburg, USA, BMW-Group)

 

Quo vadis, Mensch? Im Nebel zukünftiger Mensch-Roboter-Beziehungen

Isaac Asimov, ein bekannter Science-Fiction-Schriftsteller, hat 22 Jahre nach Capek in seinem 1942 erschienenen Roman „runaround“ drei Robotergesetze formuliert, die einem möglichen Bedrohungsszenarium, das von Robotern mit künstlicher Intelligenz gegenüber Menschen ausgehen könnte, entgegenwirken soll. Dieser Verhaltenskodex für Roboter besagt, dass:

 „nach Gesetz Eins ein Roboter einem menschlichen Wesen keinen Schaden zufügen darf oder durch Untätigkeit zulassen darf, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
nach Gesetz Zwei ein Roboter den Befehlen gehorchen muss, die ihm von Menschen erteilt werden, es sei denn, dies würde gegen das erste Gesetz verstoßen.
nach Gesetz Drei ein Roboter seine eigene Existenz schützen muss, solange solch ein Schutz nicht gegen das erste oder zweite Gebot verstößt.“

In einem später erschienenen Buch mit dem Titel „Meine Freunde, die Roboter“ hinterfragt Asimov selbstkritisch die Wirksamkeit seine Robotergesetze mit der bemerkenswerten Aussage:

„[…] Was aber geschieht, wenn die Programmierung fehlerhaft ist?”

Mit einem Sprung in die heutige Roboterentwicklung, die an Komplexität, Dynamik und Unerwartetem deutlich zugenommen hat, spielt die Programmierung von Algorithmen der künstlichen Intelligenz und anderen digital gesteuerten bzw. geregelten Prozessen der Robotik ein deutlich höhere, risikobehafte Rolle in Mensch-Maschine-Kooperationen bzw. -Kollaborationen, als es Asimov voraussehen konnte.

Unerwartete Roboterhandlungen, innerhalb und außerhalb von Schutzumzäunungen für Roboter, haben bereits zu zahlreichen Unfällen – bis zu Todesfällen – bei Menschen geführt. Nebenbei werden Rechte für Roboter diskutiert, die in Unfälle verwickelt sind, zum Beispiel im Straßenverkehr.

Roboter und deren Wege in die Zukunft werden gegenwärtig noch überwiegend im technisch-wissenschaftlichen Kontext diskutiert und praktisch erprobt. Wohin führt uns aber diese Entwicklung, wenn wesentlich wichtigere vernetzte Bereiche wie Naturzerstörung, Klima und anthropozäne Auswirkungen in der Robotik gegenwärtig kaum eine Rolle spielen?

Antworten auf die Frage „Quo vadis, Mensch?“ sind und bleiben ungewiss in einer sich wandelnden Umwelt – mit und ohne Robotik. Umso wichtiger ist es, die bisherigen technischen Fortschritte der Robotik ganzheitlich zu betrachten, ohne spezifische Ziele aus dem Auge zu verlieren. Dazu bedarf es einer verstärkten Bildung von Menschen (Programmierern und Roboterentwicklern), die imstande sind, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, um daraus fortschrittliche praktische Lösungen zu generieren. Roboter können auf diesem Weg nur als hilfreiche dienstleistende „Gefährten“ von Menschen diese bei ihren Arbeiten unterstützen, zum Beispiel bei Handreichungen im häuslichen Bereich oder körperlich schweren Arbeiten. Planendes, kreatives Vorausschauen und strategisches Handeln werden vermutlich noch für lange Zeit die Domäne der Menschen bleiben.

Über den Autor

Dr.-Ing. E. W. Udo Küppers ist an der AKAD University seit 2013 als Dozent für die Themen systemisches Denken und Handeln, Systemtheorie und neuronale Netze verantwortlich. Diese Expertise bringt er beispielsweise im AKAD-Masterstudiengang Systemisches Management und Nachhaltigkeit ein. Die Robotik ist eines seiner Herzensthemen, das er auch im neuen AKAD-Modul „Interdisziplinäre Kompetenz“ (im M.Eng. Wirtschaftsingenieurwesen) vermittelt.
Im Jahr 2001 gründete er die Firma Küppers-Systemdenken, eine Unternehmensberatung für systemisches Denken und Handeln, die er auch heute noch parallel zu seinen Lehraufträgen für die AKAD University führt.

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