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#Gedankenspiele@AKAD |Nr. 5|

In dieser Reihe lädt Sie heute Prof. Dr. Tobias Specker zum Gedankenspiel ein:

Krise als Chance – Vom Nutzen der Wissenschaft in pandemischen und postpandemischen Zeiten

Die von einer globalen Pandemie geprägte Alltagswelt der vergangenen Monate und das dazu noch offene Ende kann ohne Übertreibung als eine der größten Krisen der Menschheit im Zeitalter der Postmoderne gelten.

Im Bewusstsein der damit verbundenen Verwerfungen mag die in der Überschrift dieser Zeilen strapazierte Rede „Krise als Chance“ auf den ersten Blick etwas plattitüdenhaft wirken. Tatsächlich gibt es aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel tatsächlich aber eine Reihe von wirklich bemerkenswerten Einsichten, Befunden und Perspektiven, die im Folgenden eine Erhellung erfahren sollen:

Ergebnisoffene Neugierde

An erster Stelle mag dabei die Tatsache stehen, dass es der pharmazeutischen Branche wider Erwarten doch in relativ schneller Weise gelungen ist, wirksame Impfstoffe zu entwickeln und dazu eine großvolumige Produktion zu implementieren. Rekapituliert man die dazu verfügbaren Dokumentationen, so wird aber auch deutlich, dass diesen Erfolgen eine teilweise jahrzehntelange Grundlagenforschung mit keineswegs klaren Ergebnisperspektiven vorangegangen ist.

Diese Beobachtung unterstreicht einerseits die große Bedeutung wissenschaftlichen Denkens und Forschens. Andererseits sensibilisiert sie aber auch gegenüber der Tatsache, dass die dabei eingeschlagenen Wege von einer ergebnisoffenen Neugierde des Forschenden getragen sind, bei der Geduld, Kondition, Zuversicht und auch Frustrationstoleranz unabdingbar sind.

Weiterhin hat uns diese Zeit in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, dass das vom Forscher und Finanzmathematiker Nassim Taleb postulierte Konzept der sog. schwarzen Schwäne alles andere darstellt als eine bloße Möglichkeitsreflexion im akademischen Elfenbeinturm.

Unerwartete, unvorhersehbare und überaus folgenschwere Diskontinuitäten, die die Grundlagen unseres Denkens und Handelns in substantieller Weise in Frage stellen, sind elementare Bestandteile unseres Daseins!

Dieser Hinweis mag auf den ersten Blick trivial wirken.

Trivial deshalb, weil wir Menschen im Nachgang solcher Ereignisse immer überaus plausible Erklärungen für solche Entwicklungen und auf für die in diesem Rahmen nützliche Verhaltensstrategien haben.

Tatsächlich lenkt genau dieser Reflex den Blick auf durchaus aktuelle Befunde der verhaltensökonomischen Forschung.

Diese schon jetzt mit diversen Nobelpreisen (bspw. in Person von Daniel Kahnemann oder Richard Thaler) „geadelte“ junge Disziplin hat in überaus einprägsamer Weise belegt, wie irrational der menschliche Umgang mit Risiken sein kann oder eben ist.

Weil Verluste stärker schmerzen als Gewinne, gelingt es uns Menschen in einer überaus eleganten Weise, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Verlusten zu unterschätzen.

Oder ums kurz zu formulieren:

Was nicht sein darf, kann nicht sein
und wird deshalb auch nicht kommen!

Im Tunnelblick

Im Bewusstsein solcher Verhaltensauffälligkeiten erscheinen dann auch plötzlich Hamsterkäufe von Toilettenpapier in einem gänzlich anderen Licht:

Während es unter normalen Bedingungen keinen Anlass für solcherart Bevorratungsstrategien gibt, erzeugt der Kontext der Covid-Krise bei vielen einen Tunnelblick, der im verhaltensökonomischen Diskurs unter dem Label „Herding“ wohlbekannt ist und dort seit längerem eine große Beachtung erfährt.

Zugegeben: Alle bis hier angesprochenen Beobachtungen sind höchst selektiver und auch beliebiger Natur. Sie lassen vor allem noch nicht unmittelbar erkennen, warum die pandemischen Ereignisse der jüngsten Zeit die Rede von der Krise als Chance wohl doch rechtfertigen.

Dieser Eindruck mag sich aber womöglich ändern, wenn man diese Ausführungen mit einem Thema fortsetzt, den der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedmann in einem sehr einprägsamen Titel seiner diversen Publikationen bereits 1984 verwandt hat, nämlich die Tyrannei des Status quo.

Vom Status quo

Es ist nun völlig irrelevant, welchen Problemkontext Friedmann bei dieser Veröffentlichung im Auge hatte. Entscheidend ist, dass dieses Label, also die Rede von der sogenannten Tyrannei des Status quo den Blick erneut auf aktuelle Befunde der verhaltensökonomischen Forschung lenkt.

Konkret auf Erkenntnisse zu menschlichen Wahrnehmungsverzerrungen, deren Ursache Zeitmangel, die Größe der Informationsmenge oder die fehlende Erfahrung mit einem Problem bilden können und die im Ergebnis höchst subjektive Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Urteilsprozesse von Entscheidungsträgern begründen.

Für die hier verfolgte Argumentation bedeutsam ist nun, dass der sogenannte „Status quo“-Bias als populärer Repräsentant solcher Wahrnehmungsverzerrungen gilt. Aus inhaltlicher Sicht steht dabei die Beobachtung im Mittelpunkt, dass Menschen dazu neigen, den aktuellen Zustand gegenüber alternativen Zuständen zu bevorzugen. Erklären lässt sich diese Präferenz als eine Art kognitive Verzerrung, in deren Mittelpunkt das gedanklich vorweggenommene Bedauern über eine mögliche Fehlentscheidung zu alternativen Handlungsoptionen steht.

Spätestens im Bewusstsein eben solcher Zusammenhänge dürfte deutlich werden, warum die Rede von der sogenannten Krise als Chance gerade im pandemischen Kontext nicht nur zulässig, sondern sogar problemlogisch erscheinen könnte.

Die dieser Interpretation zugrundeliegende Argumentationslogik lässt sich in verkürzter Weise nun folgendermaßen beschreiben:

Der gesellschaftliche Diskurs war bereits lange vor der Pandemie durch Beiträge geprägt, in deren Mittelpunkt suboptimale Wirkungen und Effekte des geltenden Status quo unserer Alltagswelt standen. Konkret also kaum kommentierungsbedürftige Beiträge zu den Themen Umweltverschmutzung, Klimawandel, Artensterben, Globalisierung & Gerechtigkeit und ähnliches.

Als kleinster gemeinsamer Nenner dieser Kontroversen konnte und kann bis heute die Frage gelten, nach welchen Maßstäben alltägliches Handeln auszurichten ist: einer ökonomischen, ökologischen oder sozialen Dimension?

Der zu dieser Kernfrage zwischenzeitlich geschaffene Status quo kann an zwei Aspekten in sehr anschaulicher Weise verdeutlicht werden:

Erstens dem sogenannten Earth-Overshot-day: Dieser Tag markiert das Datum, an dem der Bedarf der Menschheit an ökologischen Ressourcen und Dienstleistungen in einem bestimmten Jahr über dem liegt, was die Erde in diesem Jahr regenerieren kann. In Deutschland wurde dieser Tag im Jahr 2019 auf den 3. Mai terminiert! Zehn Jahre zuvor, also 2009, wurde dieses Datum auf den 19. August angesetzt!

Zweitens der sogenannte Gini-Koeffizient: Diese Kennzahl beziffert, wie ungleich die Einkommen in einer Volkswirtschaft verteilt sind und bewegt sich dabei zwischen den Extremwerten von null und eins. Je höher er liegt, desto ungleicher ist die Verteilung. Im Jahr 2019 war dieser Wert in Deutschland bei etwa 0,297 angesiedelt. Bewegt man sich wiederum zehn Jahre zurück, also in das Jahr 2009, lag dieser Wert bei 0,21.

Kurz und knapp:

Auch wenn sich über die Zulässigkeit der eben angesprochenen Indikatoren und daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen trefflich streiten lässt, so führen sie uns doch vor Augen, dass das oben angesprochene Wechselspiel zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Maßstäben in der jüngsten Vergangenheit keineswegs in ausgewogener Weise ausbalanciert war.

Die Covid-Krise hat uns die damit verbundenen Konsequenzen in einer teilweise doch drastischen Art vor Augen geführt. Man denke bspw. nur an den zwischenzeitlich sehr populären Begriff der Triage und die darunter subsumierten Zusammenhänge. So mündet eine aus ökonomischen Gründen durchaus erklärbare Begrenztheit von Notintensivbetten, Pflegekräften etc. in einem wohl nicht weiter erklärbaren ethischen Dilemma einer Entscheidung über Leben und Tod.

Solche und ähnliche Wechselwirkungen, die bei vielen oder gar jedermann bis dato allenfalls im Unterbewusstsein in diffuser Weise präsent waren, wurden durch die pandemische Krise in einer überaus schmerzlichen und direkten Weise offensichtlich.

Die damit eingeleiteten kollektiven und individuellen Bewusstseinserhellungsprozesse über die Unzulänglichkeiten und Suboptimalitäten des Status quo sind nun nur eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung, solcherart Krisen als Chance zu begreifen.

Vielmehr stellt sich natürlich abschließend auch die Frage nach Alternativen, die mit Blick auf das oben zum sogenannten „Status-quo“-Bias diskutierte Bedauern über mögliche Fehlentscheidungen in einer postpandemischen Zukunft eine entsprechend robuste Qualität besitzen.

Das Donut-Modell

Eine diesbezüglich wirklich vielversprechende, bislang aber noch recht unbekannte Option könnte das von der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth entwickelte Konzept der sogenannten Donut-Ökonomie sein.

Die unter dieser Metapher gefassten Zusammenhänge können hier nur angedeutet werden:

Bei der darin vorgenommenen Modellierung der Welt als Donut, also drei ineinander liegender Kreise werden drei Ebenen des Denkens und Handels exponiert:

Den äußeren Ring bilden die planetaren Grenzen. Das ist vereinfacht gesagt das, was die Erde durch Klimabelastung, Rohstoffabbau und Energieverbrauch an Umweltbelastung verträgt.

Den inneren Ring bilden die sozialen Grundlagen. Sprich das, was die Menschen für ein gerechtes Leben brauchen, orientiert an den UN-Entwicklungszielen.

Das zwischen diesen Maßstäben des Maximal-Verträglichen und des Minimal-Erwartbaren geschaffene Spektrum definiert den politische Gestaltungsraum, der idealerweise im “Sweet Spot”, also der Glasur mündet: Hier herrscht eine Balance von Ökologie, Politik und der Wirtschaft.

Nun mag dieses Denkmodell, wie alles Neue auf den ersten Blick sperrig, naiv oder idealistisch gelten.

Fakt aber ist: Für Städte wie Amsterdam, Kopenhagen, Philadelphia oder Portland (Oregon) und die dort Verantwortlichen war die Pandemie Anlass oder zumindest Treiber, ein an diesem Modell orientiertes Denken zum praktischen Handlungsmaßstab zu erheben. Womöglich werden diesem Beispiel viele weitere Städte, Regionen oder gar Nationen folgen.

Oder um mit den Worten Victor Hugos zu schließen:

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee,
deren Zeit gekommen ist.“

Prof. Dr. Tobias Specker

Prof. Dr. Tobias Specker studierte Maschinenbau sowie Betriebswirtschaftslehre. Er ist seit 2004 im Rahmen einer Professur für Betriebswirtschaftslehre und Internationales Marketing im Fachbereich Maschinenwesen der Fachhochschule Kiel tätig. Im Zeitraum 2008 bis 2010 war er in der Funktion des deutschen Vizedirektors bei der CDHAW (Chinesisch-Deutschen Hochschule für Angewandte Wissenschaften) an der Tongji-Universität aktiv. Für die AKAD University ist er seit 2005 in verschiedenen betriebswirtschaftlichen Lehrbereichen (beispielsweise Internationale Unternehmensführung, Finanzierung oder Dienstleistungsmanagement) als Dozent tätig. Seit 2014 auch in der Funktion eines Studienleiters für den Bereich Organisationslehre.

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